Einige Bemerkungen zu einer schlechten Ausstellung: Francis Bacon in der Staatsgalerie Stuttgart

Ein Triptychon von Francis Bacon, Three Studies of Lucian Freud von 1969, wurde 2013 für 142, 4 Millionen Dollar versteigert. Zu diesem Zeitpunkt das teuerste Werk eines Künstlers des 20. Jahrhundert. Mittlerweile ist ein De Koning das teuerste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts. Seit den 1950er Jahren ist Bacon fest im englischen und auch im internationalen Kanon moderner Kunst etabliert. Er wurde früh von renommierten Galerien vertreten, sein Werk ist in allen größeren westlichen Kunstmuseen vertreten, auch in Deutschland. Bacons Themen und sein Stil haben sich seit den 1960ern kaum verändert – wenn man zwei, drei Werke gesehen hat, erkennt man einen Bacon sofort. Ein Glück für die Marke Bacon und deren Vermarkter, zu denen sich nun auch die Staatsgalerie Stuttgart gesellt. Denn Kanonisierung und Marktpreise ersparen den KuratorInnen der Ausstellung „Francis Bacon. Unsichtbare Räume“ anscheinend die Mühen der Reflektion darüber, warum und wie sie das Werk überhaupt ausstellen wollen.

Gewiss – eine Institution wie die Staatsgalerie ist nicht dazu gemacht, als risikofreudiges Trüffelschwein durch die zeitgenössische Kunst oder durch den Unterboden des Kanons zu schnüffeln und interessante Funde zu machen. Aber ein bisschen mehr als die geschmeidige Integration in den internationalen Blue-Chip-Ausstellungszirkus ist von einem Haus schon zu erwarten, das mit Steuermitteln finanziert wird. Zu den Mindestanforderungen an ein großes Museum gehört die Kenntnisnahme der und Auseinandersetzung mit den kunsthistorischen und kuratorischen Standards des Themas, mit dem man sich auseinandersetzt. Davon kann in der Ausstellung „Francis Bacon. Unsichtbare Räume“ nicht die Rede sein. Das fängt schon bei schlichten biographischen Angaben zu Bacon an. Da erfährt man, dass der Maler, 1909 als Sohn eines anglo-australischen Offiziers der britischen Armee und der Tochter eines englischen Kohleminen-Besitzers in Dublin geboren, als Protestant und Engländer in Irland zu einer Minderheit gehört habe. Minderheit – das klingt so unterdrückt, so auf der richtigen Seite der Geschichte, so moralisch gerechtfertigt. Deswegen ist der Begriff für die Situation der englisch-protestantischen Familie Bacon in Irland auch so bizarr. Praktisch eine Geschichtsklitterung mit schon fast Monty-Python-Zügen.
Zum Kontext: Irland war bis 1922 Teil des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland – und das keineswegs freiwillig. Die protestantischen Engländer und Schotten unterwarfen das katholische Irland seit dem 16. Jahrhundert einer kolonialen Unterdrückungs- und Ausbeutungspolitik – inklusive schlimmster Hungersnöte und dem brutalen Einsatz der Staatsgewalt. Die Bacons gehörten in Irland zur herrschenden Klasse und waren als Protestanten und Engländer massiv bevorzugt. Als Soldat gehörte Bacons Vater sogar ziemlich direkt zum Unterdrückungsapparat. Und nein, diese seltsame Formulierung „gehörte der Minderheit an“ ist kein blöder Fehler, der mal passieren kann: Wenn so ein Unfug an einer der wenigen Wände mit irgendeiner Art informativem Text zum Künstler prangt, demonstriert das, wie wenig Ahnung die für die Ausstellung Verantwortlichen von der historischen und sozialen Situation haben, in der die Kunst situiert ist, die sie ausstellen.

An der präsentierten Künstler-Biographie lassen sich auch noch weitere Kritikpunkte an der Ausstellung festmachen: Nimmt man die Programmtexte ernst, verstehen die KuratorInnen „Raum“ vor allem als kompositorisches, strukturales Element. Wieso ist dann die Biographie nicht darauf ausgerichtet? Was ist an Bacons gewaltgeprägten sexuellen Beziehungen zu Männern, seinem Boheme-Leben zwischen Alkohol und Kleinkriminalität, dem Selbstmord seines Lebensgefährten George Dyer, seinen Reisen durch Europa etc. relevant für das Thema Raumkonzeption bei Bacon? Warum erfahre ich nichts über die bildkünstlerischen Raumkonzepte, mit denen sich Bacon auseinandergesetzt hat? Mit welchen zeitgenössischen, mit welchen historischen Malern beschäftigt er sich? Ich erfahre noch nicht mal, dass Bacon eine Zeit lang als Innenausstatter gearbeitet hat – was ganz aufschlussreich sein könnte, wenn man, wie die AustellungsmacherInnen, den formal-strukturellen Begriff Raum in der praktischen kuratorischen Arbeit dann schlicht motivisch deutet: Bilder, in denen Räume in Form von podestartigen und gerüst- und käfigartigen Konstruktionen vorkommen. Was die KuratorInnen mit „unsichtbar“ meinen, bleibt deswegen unklar. Zu sehen sind theatrale Elemente, Präsentationsarchitekturen – von der Bühne bis zum Käfig –, öffentliche Räume wie Straßen und Hotellounges. Theoretisch intime Situationen werden mit aggressiver exhibitionistischer Energie vor den Betrachter gestellt. An diesen Bildern ist nichts unsichtbar, geheimnisvoll, zurückhaltend: Päpste und Affen brüllen und blecken die Zähne; Körper werden mit großer malerischer Geste verzerrt, versehrt, dynamisiert. Hier ist alles „in your face“.

Dass sich in „Unsichtbare Räume“ eine Anspielung auf die prekäre Situation Bacons verbirgt, der als relativ offen lebender homosexueller Künstler in Großbritannien bis in die 1970er Jahre hinein mit einem Fuß im Gefängnis stand, lässt sich wohl ausschließen. Schließlich demonstriert die Ausstellung bereits in der Biographie ihr mangelndes Gespür für kultur- und sozialhistorische Kontexte. Dass Bacon sich obsessiv mit Räumen beschäftigt hat, in denen sich Männer gesellschaftlich akzeptiert körperlich nahe kommen dürfen, – Boxen und Ringen, aber auch Cricket –, scheint an den AusstellungsmacherInnen vorbeizugehen, wenn man sich die inspirationslos präsentierte Vitrinen mit Material anschaut, das aus Bacons riesigem Fundus an Bildvorlagen geholt wurde. Die aus Magazinen und Bücher herausgerissenen Seiten werden ausschließlich als Lieferanten von Bildmotiven präsentiert – und in gewisser Weise gegen den Künstler in Stellung gebracht: Schließlich habe Bacon immer behauptet, ohne Vorbilder und Vorlagen direkt auf der Leinwand seine Werke zu entwickeln und hier nun sehe man, dass er sehr wohl mit Vorlagen und Skizzen vorgearbeitet hat. Man hätte diese Selbstmythologisierung zu einer Art figurativen Expressionisten in Zusammenhang mit Bacons intensiver Abneigung gegenüber dem Abstract Expressionism Pollocks und Rothkos setzen und so etwas über seine ambivalente Haltung zur eigenen Rolle als moderner Maler in den Blick bekommen können.
Hätte man, wenn man es den können würde. Denn das ist das deprimierende Ergebnis von gut zwei Stunden in dieser Ausstellung: Die KuratorInnen scheitern nicht an einer steilen These oder verrennen sich in ihrem Enthusiasmus für Bacon – nein, es sieht einfach alles danach aus, als könne es die Parade-Abteilung der Staatsgalerie, die KuratorInnen für das 20. Jahrhundert, nicht besser. Man hangelt sich an Kriterien entlang – Motiv, chronologische Abfolge –, die einem im Studium spätestens nach dem dritten Semester um die Ohren gehauen würden, wenn man sie ernsthaft als Interpretationsansatz anbringen würde. Die neue Literatur zu Bacon, die sich im Museumsshop stapelt, hat bei den AusstellungsmacherInnen zumindest nicht dazu geführt, irgendeinen dieser Ansätze in die Konzeption der Ausstellung einfließen zu lassen. Leider lässt sich diese Ignoranz auch nicht als konservatives Programm lesen, denn dafür sind die handwerklichen Schnitzer und Plattfüßigkeiten der Ausstellung einfach zu groß. Und die Bacon-Ausstellung ist ja nicht der erste Missgriff dieser Art: Schon unter von Holst begann das Niveau der Ausstellungen zur Moderne zu sinken, Rainbird wurde teilweise aus dem Museum und dem zuständigen Ministerium heraus sabotiert, und unter Lange scheint man sich auf ein genügsames Partizipieren am internationalen Publikumslieblinge-Wanderzirkus auf dem Niveau der 1950er einzupendeln. Das ist für ein so großes Haus einfach zu wenig. Kunstmuseen, die kleiner sind als die Staatsgalerie, stemmen Ausstellungen, die kuratorisch und wissenschaftlich oft anspruchsvoller, zumindest aber auf der Höhe der Zeit sind. Von den beiden großen anderen baden-württembergischen Kunstmuseen, der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und der Kunsthalle Mannheim zu schweigen. In der Liga von Städel, Pinakothek der Moderne, Hamburger Kunsthalle, dem K20 in Düsseldorf oder dem Museum Ludwig in Köln spielt man schon lange nicht mehr. Dabei hat man in der Staatsgalerie Leute, die eine vernünftige Ausstellung auch mit kleinem Budget auf hohem Niveau hinbekommen – aktuell mit „Rembrandts Schatten. England und in die schwarze Kunst“.

Quadratisch, aber auch praktisch und gut?

 

Allegorisch gestimmte Gemüter könnten aus dem Umzug der Stadtbibliothek von der Stuttgarter Kulturschneise Staatsbibliothek, Musikhochschule, Landesmuseum, Staatsgalerie, Staatsoper und Staatstheater in das Investorenparadies von LBBW, Sparda, Sparkassen-Ausbildungszentrum und diversen gerade gebaut werdenden und noch geplanten Konsumzentren einiges über Stellenwert, Bedeutung und Idee von Bildung in einer Stadt herauslesen, die bis vor kurzem von einer politischen Mehrheit regiert wurde, die sich selbst großzügig das Beiwort „bürgerlich“ zuschreibt. Oder aus den Ekstasen, in die Stadt- und Bibliotheksobere ob eines Neubaues fallen, dessen einziger kreativer Beitrag zum traditionsreichen Thema „Bibliothek“ darin besteht, einen architektonisch sowieso schon unter schwerem Kitschverdacht stehenden leeren Raum auch noch „Herz“ zu nennen.

Aber auch für praktisch gesinnte Bibliotheksbesucher, die sich von der Simpel-Symbolik des Baus (Kubus! Leere Mitte! Weiße Wände!) nicht weiter stören lassen, ist es kein gutes Omen für die funktionalen und konzeptionellen Qualitäten der neuen Bibliothek, wenn das städtische Hochbauamt die kleine Wasserfläche in der Herzensmitte schon nach drei Tagen trocken legen muss. Beim zügigen Durchschreiten des Raums auf der Suche nach den Büchern waren einfach zu viele Besucher in die symbolische Schwerstarbeit leistende Pfütze (Kastalische Quelle? Taufbecken? Brunnen der Weisheit?) getappt und hatten das Herzwasser im ganzen Haus verteilt. Denn im Gegensatz zu den Äußerungen von Architekt und Bibliotheksleitung ist das Herz gar kein funktionsloser, quasi reiner Raum der Stille, sondern der kürzeste Weg, um vom Haupteingang der Bibliothek zu den einzigen im Haus vorhandenen Aufzügen zu kommen.

Das gleiche Unverständnis für das zu erwartende Verhalten der Benutzer zeigt sich überall im Haus: So gibt es in dem acht-stöckigen Gebäude nur im achten Geschoss und im Keller Toiletten. Wer eine Behindertentoilette benutzen muss, muss ins Untergeschoss, das für Menschen, die mobilitätsbehindert sind, nur über die zwei schmalen Aufzüge zu erreichen ist, die in der der Behindertentoilette gegenüberliegenden Ecke liegen. Wer in der neuen Bibliothek schnell aufs Klo muss, sollte besser gut zu Fuß sein und über einen guten Orientierungssinn verfügen. Denn erwischt man beim Abstieg in die Katakomben des reinen Geistes den falschen Treppenabgang, darf man mit etwas Glück um das ganze Quadrat herum marschieren, bis man die Treppe zum Klo erreicht hat. Dass sich das Gebäude „barrierefrei“ nennen darf, ist eine Unverschämtheit gegenüber Leuten, für die das Treppensteigen ein Problem ist.

Überhaupt – die Treppen: Bei den vier Treppenhäusern, die jeweils mittig an jeder Seite des Stockwerks am „Herzen“ gelegen die unteren fünf Stockwerke erschließen, hat man sich gestalterisch für den bewährten Charme von Parkhaus-Aufgängen entschieden, konsequenterweise aber auf deren einziges Plus, interessant strukturierte Betonoberflächen, verzichtet. So steigt der Benutzer nun durch einen fensterlosen, komplett weiß getünchten, extrem hell ausgeleuchteten Gang auf diffus fleckigem hellgrauen Belag nach oben. Wer schon immer einmal ausprobieren wollte, wie sich sensorische Deprivation anfühlt, hat hier einen schönen Trainingsraum. Schon nach wenigen Minuten wachsen einem die Wollmäuse, die in den Ecken herumliegen, und die ersten Abnutzungserscheinungen des Belags, die ein wenig Struktur suggerieren, richtig ans Herz. Im vierten Stock verlässt man dann die Guantanamo-Treppen und betritt – endlich – den schönsten Raum des Gebäudes, die Galerie, von Fans auch liebevoll der erste Apple-Shop Stuttgarts genannt. Der hohe, weite, weiße Raum wird von bunten Bändern durchzogen, die von den farbigen Buchrücken gebildet werden. Die einzelnen Etagen verbinden schmale, weiße Treppen. Dadurch ergibt sich ein sehr schönes Bild, wenn man aus den angrenzenden Räumen in die Galerie tritt. Optisch schön gedacht, zeigen die Treppen beim Benutzen ihre Tücken: Sie sind so schmal, dass zwei Menschen gerade so aneinander vorbeikommen.

Im Ganzen merkt man dem Bau an, dass bei seiner Fertigstellung extremer Zeitdruck herrschte: Einiges funktioniert noch nicht (oder schon nicht mehr?): Die Rückgabeautomaten waren am Samstag defekt. Wie im alten Wilhelmspalais gab man die Bücher direkt an die wie immer sehr netten und hilfsbereiten Bibliotheksmitarbeiterinnen ab. Eine ganze Menge der technischen Installationen sind recht schief und krumm eingebaut, Bodenbeläge und Kacheln teilweise schlampig verlegt. Die Beschriftung mancher Regale mit Recycling-Papierausdrucken setzt einen ganz wunderbaren Kontrapunkt zum Weiß der Regale.

Für meinen Geschmack stellt die Bibliothek ihre tolle Computer-Ausstattung gegenüber den Büchern etwas zu sehr in den Vordergrund. Aber das ist echt Geschmackssache. Die Idee, sich mit dem Bibliotheksausweis einen Laptop ausleihen zu können, mit dem man sich frei in der Bibliothek bewegen kann, finde ich toll. Manche Ideen, zum Beispiel die thematischen Vorauswahlen in jeder Etage, finde ich etwas überpädagogisisert, aber wenn’s Leute dazu bringt, sich mal was anderes als Stephenie Meyers auszuleihen: Go for it!

Denkmal der Gefühllosigkeit

Der Kampf des Ehepaars Erbslöh gegen zwei winzige Gedenksteine, eingelassen in den Bürgersteig vor ihrem Haus in der Hohentwielstraße 146 B, die an die ehemaligen Bewohner des Hauses, Mathilde und Max Henle, erinnern, fasziniert mich, seit ich das erste Mal davon in der Zeitung las. Das war Anfang diesen Jahres, als von ihrer Klage gegen das Verlegen von zwei „Stolpersteinen“ durch den Kölner Künstler Gunter Demnig und die lokale Stolperstein-Initiative berichtet wurde. Im März hat das Amtsgericht in der ersten Instanz, Ende August dann das Landgericht Stuttgart endgültig entschieden, dass die Stadt Stuttgart die Gedenksteine nicht entfernen oder abändern muss.

Schon direkt nach der Urteilsverkündung verkündete wiederum Herr Erbslöh, das seiner Familie angetane Unrecht durch eine eigenen Website und eine Hinweistafel auf dem Haus in der Hohentwielstraße bekannt zu machen. Letzte Woche nun hat Herr Erbslöh seine Ankündigung wahrgemacht. An der Fassade seines Hauses prangt nun ein häßliches Plastikschild mit der Aufschrift:

Hier wohnten unbehelligt Max und Mathilde Henle

1.4. 1932 – 30. 3. 1939

Eine Website scheint es noch nicht zu geben, auf einschlägigen Webforen können sich die Erbslöhs aber schon über Zuspruch durch reaktionäre und antisemitische Kommentatoren freuen. Die loben die tapferen Schwaben dafür, sich gegen die Front der linken Gutmenschen und den von interessierten jüdischen Kreisen geschürten Gedenkterror zu wehren. Vermutlich weiß der enragierte Herr Erbslöh – Frau Erbslöh scheint sich fast nie in der Öffentlichkeit zu äußern, obwohl es sich bei dem Haus um ihr Elternhaus handelt – davon gar nichts.

Denn das ist für mich das Faszinierende an dieser Geschichte: Den Erbslöhs scheint intellektuell und emotional völlig unzugänglich sein, in welche politischen und ideologischen Traditionen sie sich mit ihrem Verhalten stellen – und so reproduzieren sie, so sieht es zumindest für mich aus, zwanghaft deren stilistische und argumentative Tropen: von der aktiven Verleugnung historischer Fakten (1939 hat kein als Jude stigmatisierter Stuttgarter mehr die Entscheidungsfreiheit gehabt, sich seinen Wohnsitz aussuchen zu können, und unbehelligt lebten sie schon lange nicht mehr) bis hin zur Selbstinszenierung als den eigentlichen Opfern der Geschichte. Die Versuche der Erbslöhs, das Ansehen und das Andenken der eigenen Eltern von der Schande der in ein sogenanntes „Judenhaus“ umgezogenen jüdischen Mieter reinzuwaschen, produzieren genau das Gegenteil. So lassen sie in den Stuttgarter Nachrichten vom 18. Oktober verlauten, dass dem Ehepaar Henle ganz rechtmäßig wegen Eigenbedarfs zum 30. März gekündigt wurde. Ein Sohn der Hausbesitzer, als Ingenieur bei der Stadt tätig und – natürlich – gezwungenermaßen in die NSDAP eingetreten, hatte eine Familie gegründet und wollte die Wohnung beziehen. Dass es sich bei dem Mann um Frau Erbslöhs Vater gehandelt haben könnte, – sie ist nach Angaben der Stuttgarter Zeitung 1940 geboren –, erscheint mir ziemlich wahrscheinlich. Mir kommt es aber nicht auf die Identität dieses Mannes an, sondern auf die moralische Beschränktheit, die aus diesen Äußerungen der Erbslöhs spricht. Offensichtlich sind 66 Jahre Diskussion und Aufarbeitung des Dritten Reiches völlig an ihnen vorbeigegangen – und gerade ihr unter diskussionstaktischen Gesichtspunkten unglaubliches Ungeschick, mit der mittlerweile nur allzu bekannten Entlastungs- und Verschleierungsrhetorik von Arisierungs- und Systemprofiteuren der lokalen Stolperstein-Initiative und der Stadt Stuttgart eine Geschichtsfälschung vorzuwerfen, – natürlich fällt dabei auch das Wort „unsäglich“ und den „Glauben an die Demokratie und den Rechtsstaat“ hat man natürlich auch verloren –, ist für mich der beste Beleg dafür, dass hier zwei Menschen tatsächlich nicht wissen, was sie tun. Und anscheinend gibt es auch niemanden, der ihre Geisterfahrt durch die Schrecken und Finsternisse der eigenen Familiengeschichte aufhalten kann. Wer so taub und blind für die Wirklichkeit geworden ist, der hört die Stimmen seiner Freunde vermutlich gar nicht mehr.

Herr und Frau Erbslöh können einem eigentlich nur leid tun.

Nice to follow: The Fox Is Black

http://thefoxisblack.com/

Aus den Annalen des Stuttgarter Kunst- und Geisteslebens II

M. S. ist eine bekannte Figur im Stuttgarter Kunst- und Kulturleben. Am Freitag Abend hat er seine erste eigene Galerie eröffnet – im Galerienhaus in der Breitscheidstraße. Selbst wenn man wie wir eine gute Stunde zu spät kam, musste man sich noch immer durch die Besucher drängen, um einen Blick auf die Kunst zu werfen oder einen typischen Vernissagen-Roten zu ergattern. Gekommen war die typische Galerienhaus-Szene: Studierende und Professoren der Kunst-Akademie, Abgesandte anderer Stuttgarter Kunst-Institutionen, gut bis bestsituiierte Stuttgarter, die ihr soziales und materiales Kapital als Lehrer, in Design- und Architekturbüros, als Anwälte, Steuerberater, an den zahlreichen Hochschulen, in der Verwaltung und in verantwortlichen Positionen bei Bosch und Daimler verdienen. Man trägt vorwiegend schwarz oder ist mild exzentrisch gekleidet, das vor allem die Damen. Blutsgeschwister-Kreationen demonstrieren Witz und Pippi-Langstrumpf-Charme ihrer Trägerinnen, Yamamoto und Comme des Garçons intellektuellen und ästhetischen Anspruch. Gut ein Drittel der Besucher trägt die Insignien der S21-Gegnerschaft. Und gefühlt die Hälfte von ihnen treffen wir am Samstag um zwei auf der ersten großen K21-Demonstration wieder.

Damit scheint sich eine Beobachtung unserer lieben Freundin I. zu bestätigen. Ihrer Meinung nach sind Stuttgarter 21-Gegner prinzipiell kultivierte Menschen, was man schon an ihren Protestformen erkennen könne. Vorträge, Führungen, Theaterstücke, Lesungen und ganz grundsätzlich ein historisch-ästhetisches Bewusstsein zeichne sie aus. Von den Befürwortern wisse man schon alles, wenn man den Ministerpräsidenten anschaue. Unseren Einwand, auch die Befürworter hätten doch bedeutende Museums- und Verlagsmenschen in ihren Reihen aufzuweisen, wischt sie mit dem Verweis auf deren von ihr als Kraft-durch-Freude-Kundgebungen bezeichneten Volkslauf-Veranstaltungen vom Tisch. Auch für die rustikal-rhetorischen Aufschwünge des selbsternannten Prosit-Theologen B. kann sie als Absolventin des Tübinger Rhetorik-Studiengangs allenfalls klinisches Interesse aufbringen.

Aber auch bei uns müssen wir Zeichen von K21-Snobismus erkennen: Erscheinen uns doch die mit I Herz S21-Buttons dekorierten Daunenjacken-Gelfrisur-Pausbacken und die sie begleitenden Babyspeck-Versace-Schönheiten als typisch, die uns Mario Barth, Caveman und Tanz der Vampire als den intellektuell-ästhetischen Höhepunkt des Stuttgarter Kulturlebens ansinnen. Wobei diese jungen Menschen, selbst in kaufmännischen und technischen Lehr- und Studiengängen fleißig an der eigenen Verhuman-Ressoursifizierung arbeitend, wiederum snobistische Selbststeigerung aus der Qualifizierung der S21-Gegner als Hartz VI-Empfänger, Faulenzer und Querulanten beziehen. Eine rührende Verkennung der sozialen und materiellen Realitäten, die bei uns sorgenvolle Gedanken über die heiß begehrte Zukunftsfähigkeit der hoffnungsglänzenden Jugend hervorruft, für unsere Freundin I. aber ein weiterer Hinweis auf die mangelnde Herzensbildung und geistige Rohheit der S21-Befürworter ist. So sind sich beide Seiten hervorragende Projektionsflächen und geben dabei nicht immer so ein stimmiges Bild ab wie die Berufsdemonstranten von der Senioren-Union aus den Doppelbuchstaben-Landkreisen, die ihre von der Partei finanzierte Kaffeefahrt nach Stuttgart mit einem fröhlichen Spielzeugschaufel-Winken in die Kameras der lokalen Presse krönen konnten. Sie fehlen uns schon jetzt.

Neue Weihnachtsmusik

Zoukez – a christmas song – by FL/AM & The Flamingoes from foufou koh on Vimeo.

Aus den Annalen des Stuttgarter Kunst- und Geisteslebens I

Zur Amtszeit vHs als Direktor der Staatsgalerie herrschten strenge Bestimmungen, wen sein Vorzimmer vorlassen durfte. So wunderte sich vH sehr, als eine einfache, mit einem preiswerten Strickpullover gekleidete ältere Frau, dessen Schnitt und Dessin provinziellen Geschmack anzeigte, vor seinem Schreibtisch erschien. Auf seine Frage, was sie denn hier wolle, antwortete sie, dass sie gedenke, rund 100.000 DM dem Museum zu spenden, das ihrer Familie und ihr seit Jahren so viel bedeute. Daraufhin sah er, vH, sich genötigt, der Person einen Stuhl anzubieten.

Diese, seine Volksnähe anzeigende Anekdote war einer der Höhepunkte einer Veranstaltung, bei der vH aus seinem Wirken als einer der bedeutendsten Museumsdirektoren des Landes einem Saal voller junger und jüngerer Menschen leutselig berichtete. Das dankbare Publikum hatte sich zu einer geselligen, regelmäßig stattfindenden Soiree versammelt, mit der die von vH geführte Institution versuchen wollte, den Schwund an jungen und jüngeren Besuchern und Unterstützern in sein Gegenteil zu verkehren. Die Veranstaltungsreihe erfreut sich heute einiger Beliebtheit in den Kreisen kunstinteressierter und gebildeter jüngerer bürgerlicher Kreise. Viele Besucher erinnern sich noch heute gerne an die Szenen rührender Anteilnahme, die vH entgegenschlug, nach mehrmaliger Durchsage in den Ausstellungsräumen , als er sich bereitfand, Kataloge der Monet-Ausstellung mit seinem Autogramm zu zieren. Das Vorwort des Katalogs, verfasst vom Kurator der Ausstellung, die allenthalben auf großes fachliches Lob gestoßen war und mit erfreulichen Besucherzahlen glänzen konnte, hatte vH schon mit seiner Co-Unterschrift geehrt. Über die Verwendung oder den Verbleib der genannten 100.000 DM der Dame, bei deren Behandlung sich vH ganz als Herr alter Schule gezeigt hatte, hat der große Museumsmann übrigens — sicherlich aus Gründen der Diskretion —nichts weiter verlautbart.

Seit wenigen Jahren genießt vH nun seinen wohlverdienten Ruhestand. Während seiner Amtszeit als einer der bedeutendsten Museumsdirektoren des Landes hatte er kaum Zugang zur kunstwissenschaflichen und kunsthistorischen Forschung gefunden. Deswegen ist es als großer Gewinn für das Kunst- und Geistesleben der Landeshauptstadt anzusehen, dass der verdiente Kunstfreund nun — wie so viele Stuttgarter — die Geschichte der Stadt- und Verkehrsplanung unserer schönen, oft verkannten Stadt für sich entdeckt hat. Seine für ihn neuen Erkenntnisse, die bis ins Detail denen entsprechen, die sich aus der Lektüre der in der Stadtbibliothek als auch in der Landesbibliothek reichlich vorhandenen Forschungsliteratur zur Geschichte der Landeshauptstadt gewinnen lassen, trägt vH nun mit großem Engagement und Fleiß in Veranstaltungen vor, deren Besuchern, die sich aus den Vertretern der bildungsfernen, aber leistungstragenden Schichten der Stuttgarter Bevölkerung rekrutieren, er damit ein seltenes Bildungserlebnis ermöglicht. Es ist einem der führenden Intelligenzblätter der Stadt deswegen nicht hoch genug anzurechnen, dass sie vHs wissenschaftlichen Anfänge auch einem breiteren Publikum zugänglich macht. Das bisher gezeigte Niveau weckt schönste Hoffnungen auf eine deutliche Steigerung.

Stuttgarter Schule vs. Neues Bauen – die Revanche?

 Als der Stuttgarter Hauptbahnhof 1928 eingeweiht wurde, hatte er gut 15 Jahre Bauzeit hinter sich: 1911 konnte der 34-jährige Paul Bonatz den Wettbewerb um eines der größten württembergischen Infrastrukturprojekte des noch brandneuen 20. Jahrhunderts für sich entscheiden. 1914 begann man mit dem Rohbau. Als der Erste Weltkrieg nicht nach den Planungen der Reichs-Heeresführung verlief, wurde auch der Stuttgarter Bahnhof ein Opfer der Ressourcenknappheit. Die Bauarbeiten verlangsamten sich und wurden irgendwann ganz eingestellt. Erst nachdem sich die wirtschaftliche und politische Lage in den frühen 1920er Jahren einigermaßen stabilisiert hatten, ging der Bau weiter. Mit der offiziellen Einweihung 1928 demonstrierte die Stadt Stuttgart dann nicht nur die Rückkehr zur alten wirtschaftlichen Größe. Der neue Bahnhof war auch ein deutliches Zeichen dafür, dass Stuttgart dabei war, sich als moderne Großstadt neu zu erfinden.

Für die alteingesessenen Stuttgarter müssen die Zwanziger Jahre ähnlich beängstigend gewesen sein wie für viele ihre Enkelinnen und Urenkel die Aussicht auf Stuttgart 21 heute. Schließlich war der Bahnhof nicht das einzige Großprojekt in der Stadt: Der Tagblattturm von Ernst Otto Oßwald (1927), die Weißenhof-Siedlung (1927) und das Schocken-Kaufhaus von Erich Mendelsohn (1928) katapultierten die Hauptstadt des Schwabenlandes in die architektonische und städtebauliche Avantgarde. Trotz größerer Stadtsanierungsprojekte um 1900, zu denen z. B. der Neubau des Eberhardtsviertels und das Marktplatzes, die Neuordnung des Schloßplatzes mit dem neuen Kunstgebäude und die Verlegung des Bahnhofs aus der Bolzstraße an das Ende der Königsstraße gehörte, war die Stuttgarter Innenstadt noch sehr stark von engen, winkligen Gassen und alten, eng an eng stehenden Fachwerkhäusern geprägt. In einigen vom Stadtbauamt anscheinend gänzlich vergessenen Winkeln des Bohnenviertels ragt dieses vergangene Stuttgart in unsere Gegenwart hinein. Ende der 20er Jahre war es genau umgekehrt: Da müssen Tagblattturm, das Kaufhaus Schocken und auch der Stuttgarter Bahnhof wie Kulissen aus Metropolis oder Buck-Rogers-Comics gewirkt haben, inmitten vormoderner Butzenscheiben-Romantik.

Unter hygienischen, sanitären, polizeilichen und modernen städtebaulichen Gesichtspunkten war dieses Gassen- und Häusergewirr ein Alptraum – und so ziemlich jede Stuttgarter Stadtregierung seit 1870 arbeitete daran, hier zu modernisieren. Nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen: Die Stadt brauchte Platz für ihre rasante wirtschaftliche Entwicklung. Für viele Stuttgarter war diese verwinkelte Altstadt aber kein Modernisierungshindernis, sondern ihre Heimat. Und entsprechend allergisch reagierten sie auch damals auf die Zumutungen der Stadtentwicklung.

Paul Bonatz’ Hauptbahnhof ist ein zentrales Element dieser Modernisierung Stuttgarts – und ein wichtiges Baudenkmal der ‘Stuttgarter Schule’, deren Ziel es war, eine regional inspirierte und verankerte moderne Architektur und Städteplanung zu entwickeln. Mit den historistischen, sich neo-barock oder neo-gotisch gebenden Projekten vieler seiner Kollegen hatte das wenig zu tun. Dafür aber sehr viel mit dem modernen Ingenieurbau, der auch für die meisten Architekten der Weißenhofsiedlung ein Maßstab war. Hierfür war Bonatz nachdem Bau des Stuttgarter Bahnhofs und seinem ersten landschaftsplanerischen Großprojekt, den Staustufen und Brückenbauten der Neckarkanalisation in den 1920er Jahren, die unangefochtene Autorität.

Im Rahmen der Diskussion um Stuttgart 21 und der damit verbundenen weitgehenden Zerstörung des Bonatz-Bahnhofs wird gerade die Weißenhof-Siedlung gerne gegen Bonatz und seinen Bahnhof in Stellung gebracht. Schließlich gehörte Paul Bonatz zu den massivsten Kritikern des Projektes, der auch vor antisemitisch getönten Beschimpfungen nicht zurückschreckte. Und für die Nazis hat er auch gebaut: Bonatz war beim Reichsautobahnbau für die landschaftsverträgliche Streckenführung inklusive Brückenbau zuständig und ein geschätzter Berater Fritz Todts, dem Generalinspekteur für das Reichsstraßenwesen und Minister für Bewaffnung und Munition. Viele Verächter des zum weitgehenden Abriss freigegebenen Paradebaus der Stuttgarter Schule wähnen sich deswegen auf der architektur- und kunsthistorisch richtige Seite. Sind doch die Weißenhofer Heroen der Avantgarde – und damit die Guten.

So einfach ist das aber nicht: Der Bonatz-Bahnhof gehört – aus den schon genannten Gründen – selbst zum Kernbestand der Moderne in Deutschland. Das ist unter Architekturhistorikern mittlerweile ziemlich unumstritten. Dagegen sind die Helden des Neuen Bauens selbst ins Zwielicht geraten – und damit ist noch nicht einmal der fragwürdige Enthusiasmus vieler Klassischer Moderner für autoritäre Regimes aller Coleur zu bauen gemeint. Spätestens die Verwüstungen, die Klassisch Moderne Architekten in der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg in europäischen Städten anrichteten, haben eine historisch-kritische Betrachtung ihrer Architektur ermöglicht. Die modernen Glaubenssätze wie ‘Form follows function’ oder ‘Moderne Stadt’ sind heute als rhetorische Figuren lesbar – die sich gebaut allzu oft als unbewohn- und unbenutzbar erwiesen haben. Damit treffen sich aktuelle Einschätzung des Neuen Bauens ironischerweise zum Teil mit der Kritik, die Paul Bonatz an den Weißenhof-Architekten geübt hat. Für ihn war beispielsweise der forcierte Einsatz von Stahl, Beton und Glas – und das auch noch von damit völlig unerfahrenen Architekten – reine Show. Den offiziellen Anspruch der Weißenhof-Planer, modernen, preiswerten Wohnraum für die prekären und proletarischen Schichten zu entwerfen, enttarnte Bonatz schnell als Kommunikationsstrategie, um an die Fördergelder der Stadt Stuttgart zu kommen. Gebaut wurden nämlich hauptsächlich Häuser für die gut- bis großbürgerliche Familie, einschließlich Dienstboten-Kammer. Großbürgerlichen Villen waren übrigens das andere Spezialgebiet Bonatz’.

Bonatz-Bahnhof und Weißenhof-Siedlung haben also mehr miteinander gemein, als wir heute auf den ersten Blick sehen können. Kunsthistorische Bedeutsamkeit hat die Verantwortlichen in Stadt und Land aber natürlich noch nie davon abgehalten, ein Gebäude abzureißen. In der Weißenhof-Siedlung kann man ein Lied davon singen. Und natürlich sind Gebäude, nur weil sie von Heroen der Architekturgeschichte errichtet wurden oder zentrale Bauwerke der Stadtgeschichte sind, nicht sakrosankt – aber etwas besseres als diese lächerliche S-Bahn-Station, die uns da als Ersatz für einen gut funktionierenden Bahnhof und in angeblicher Nachfolge moderner Bautraditionen angedreht werden soll, sollte es dann schon sein!

“Wir kuratieren uns zu Tode”

In einem nicht ganz neuen Artikel behandelt Chris Dercon ein nicht ganz neues Thema: “Das Künstlerprekariat sitzt in der Falle”.

In Berlin wird der Homo ludens, das künstlerische Prekariat, früher oder später in seiner eigenen Stadt in der Falle sitzen wie in einem Militärkessel – man wird weder hinein- noch hinauskönnen.

Nein sagen ist sicherlich ein guter Ansatz, aber noch nicht die Lösung und wie die oft heraufbeschworene Revolution aussehen könnte formuliert er hier auch nicht wirklich.

Via HOPE/GLORY

Christof Schlingensief

Als ich so ungefähr 17, 18 Jahre alt war, habe ich Christof Schlingensief einmal live erlebt: in Hof. Er stellte einen Film vor – ich glaube Deutsches Kettensägen-Massaker – und fast der gesamte Kinosaal fand den Film misslungen. Ich war so verwirrt, dass ich erstmal garnicht viel dachte. Der Regisseur selbst fand, Scheitern sei doch ok, sonst käme man ja keinen Meter voran. Dass fand ich noch viel verwirrender, aber der Typ war toll. Er sah aus wie ein Verrückter Professor, nur jünger, redete völlig enthusiastisch ohne Punkt und Komma. Und wandelte die negative Energie, die ihm entgegen schlug, irgendwie in positive Energie für ihn selbst um. Ein, zwei Jahre später trat er wieder in mein Leben, quasi: Für meinen damaligen Freund war Schlingensief eine Hassfigur – den fanden nur schlimme, typisch deutsche Filmfans toll, die keinen Plan hatten, wie man eine echte amerikanische Storyline entwickelt. Schlingensief war zu dieser Zeit Erster Aufnahmeleiter der Lindenstraße. Das wussten wir Provinz-Cineasten aber nicht. Mir war Schlingensief damals eher peinlich – distanzloses Sich-selbst-Auskotzen, so schätzte ich seine Arbeit ein. Und sowas konnte ich noch nie leiden. Eine positive Idee von dem, was der und was den Mann eigentlich trieb, bekam ich während eines Seminars von Jean-Christof Amann. Einen Raum und Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich intensive Energien entwickeln können – Energien, die intensiv genug sind, um unsere Individualitätsformate und Charaktermasken anzugreifen. Und das geht nicht ohne Peinlichkeiten, Angst und Schrecken. Ein bisschen länger habe ich gebraucht, zu erkennen, dass Schlingensief ein großer religiöser, im eigentlichen Sinne barocker Künstler gewesen ist. Dafür musste ich wohl erst selbst wieder bei meinen religiösen Wurzeln ankommen.

Am Tag nach seinem Tod haben wir als Hommage an den großen Gläubigen und Barocker am Altar von Maria Himmelskönigin in Sankt Trudpert im Münstertal einige Kerzen angezündet.

Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm. Lass in ruhen in Frieden. Amen.