Christof Schlingensief

Als ich so ungefähr 17, 18 Jahre alt war, habe ich Christof Schlingensief einmal live erlebt: in Hof. Er stellte einen Film vor – ich glaube Deutsches Kettensägen-Massaker – und fast der gesamte Kinosaal fand den Film misslungen. Ich war so verwirrt, dass ich erstmal garnicht viel dachte. Der Regisseur selbst fand, Scheitern sei doch ok, sonst käme man ja keinen Meter voran. Dass fand ich noch viel verwirrender, aber der Typ war toll. Er sah aus wie ein Verrückter Professor, nur jünger, redete völlig enthusiastisch ohne Punkt und Komma. Und wandelte die negative Energie, die ihm entgegen schlug, irgendwie in positive Energie für ihn selbst um. Ein, zwei Jahre später trat er wieder in mein Leben, quasi: Für meinen damaligen Freund war Schlingensief eine Hassfigur – den fanden nur schlimme, typisch deutsche Filmfans toll, die keinen Plan hatten, wie man eine echte amerikanische Storyline entwickelt. Schlingensief war zu dieser Zeit Erster Aufnahmeleiter der Lindenstraße. Das wussten wir Provinz-Cineasten aber nicht. Mir war Schlingensief damals eher peinlich – distanzloses Sich-selbst-Auskotzen, so schätzte ich seine Arbeit ein. Und sowas konnte ich noch nie leiden. Eine positive Idee von dem, was der und was den Mann eigentlich trieb, bekam ich während eines Seminars von Jean-Christof Amann. Einen Raum und Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich intensive Energien entwickeln können – Energien, die intensiv genug sind, um unsere Individualitätsformate und Charaktermasken anzugreifen. Und das geht nicht ohne Peinlichkeiten, Angst und Schrecken. Ein bisschen länger habe ich gebraucht, zu erkennen, dass Schlingensief ein großer religiöser, im eigentlichen Sinne barocker Künstler gewesen ist. Dafür musste ich wohl erst selbst wieder bei meinen religiösen Wurzeln ankommen.

Am Tag nach seinem Tod haben wir als Hommage an den großen Gläubigen und Barocker am Altar von Maria Himmelskönigin in Sankt Trudpert im Münstertal einige Kerzen angezündet.

Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm. Lass in ruhen in Frieden. Amen.

One Comments

  1. Auch ich habe ihn einmal live gesehen – bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Migros Museum in Zürich. Damals war ich genervt, nicht zuletzt weil ich mich gerade im Studium mit Kunst und Provokation beschäftigt habe und dabei so viel Scheiß sehen musste. Jetzt, da anlässlich seines Todes, viele Diskussionsrunden und Portraits von ihm gezeigt werden und ich auch nicht mehr studiere muss ich feststellen das ich Christof Schlingensief mag. Ja wirklich einfach mag. Er war ein guter, ein intelligenter, ein toller Redner. Ich kann ihm folgen. Ich mag es ihm zu zuhören.

Leave a Reply