Aus den Annalen des Stuttgarter Kunst- und Geisteslebens I

Zur Amtszeit vHs als Direktor der Staatsgalerie herrschten strenge Bestimmungen, wen sein Vorzimmer vorlassen durfte. So wunderte sich vH sehr, als eine einfache, mit einem preiswerten Strickpullover gekleidete ältere Frau, dessen Schnitt und Dessin provinziellen Geschmack anzeigte, vor seinem Schreibtisch erschien. Auf seine Frage, was sie denn hier wolle, antwortete sie, dass sie gedenke, rund 100.000 DM dem Museum zu spenden, das ihrer Familie und ihr seit Jahren so viel bedeute. Daraufhin sah er, vH, sich genötigt, der Person einen Stuhl anzubieten.

Diese, seine Volksnähe anzeigende Anekdote war einer der Höhepunkte einer Veranstaltung, bei der vH aus seinem Wirken als einer der bedeutendsten Museumsdirektoren des Landes einem Saal voller junger und jüngerer Menschen leutselig berichtete. Das dankbare Publikum hatte sich zu einer geselligen, regelmäßig stattfindenden Soiree versammelt, mit der die von vH geführte Institution versuchen wollte, den Schwund an jungen und jüngeren Besuchern und Unterstützern in sein Gegenteil zu verkehren. Die Veranstaltungsreihe erfreut sich heute einiger Beliebtheit in den Kreisen kunstinteressierter und gebildeter jüngerer bürgerlicher Kreise. Viele Besucher erinnern sich noch heute gerne an die Szenen rührender Anteilnahme, die vH entgegenschlug, nach mehrmaliger Durchsage in den Ausstellungsräumen , als er sich bereitfand, Kataloge der Monet-Ausstellung mit seinem Autogramm zu zieren. Das Vorwort des Katalogs, verfasst vom Kurator der Ausstellung, die allenthalben auf großes fachliches Lob gestoßen war und mit erfreulichen Besucherzahlen glänzen konnte, hatte vH schon mit seiner Co-Unterschrift geehrt. Über die Verwendung oder den Verbleib der genannten 100.000 DM der Dame, bei deren Behandlung sich vH ganz als Herr alter Schule gezeigt hatte, hat der große Museumsmann übrigens — sicherlich aus Gründen der Diskretion —nichts weiter verlautbart.

Seit wenigen Jahren genießt vH nun seinen wohlverdienten Ruhestand. Während seiner Amtszeit als einer der bedeutendsten Museumsdirektoren des Landes hatte er kaum Zugang zur kunstwissenschaflichen und kunsthistorischen Forschung gefunden. Deswegen ist es als großer Gewinn für das Kunst- und Geistesleben der Landeshauptstadt anzusehen, dass der verdiente Kunstfreund nun — wie so viele Stuttgarter — die Geschichte der Stadt- und Verkehrsplanung unserer schönen, oft verkannten Stadt für sich entdeckt hat. Seine für ihn neuen Erkenntnisse, die bis ins Detail denen entsprechen, die sich aus der Lektüre der in der Stadtbibliothek als auch in der Landesbibliothek reichlich vorhandenen Forschungsliteratur zur Geschichte der Landeshauptstadt gewinnen lassen, trägt vH nun mit großem Engagement und Fleiß in Veranstaltungen vor, deren Besuchern, die sich aus den Vertretern der bildungsfernen, aber leistungstragenden Schichten der Stuttgarter Bevölkerung rekrutieren, er damit ein seltenes Bildungserlebnis ermöglicht. Es ist einem der führenden Intelligenzblätter der Stadt deswegen nicht hoch genug anzurechnen, dass sie vHs wissenschaftlichen Anfänge auch einem breiteren Publikum zugänglich macht. Das bisher gezeigte Niveau weckt schönste Hoffnungen auf eine deutliche Steigerung.

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