Aus den Annalen des Stuttgarter Kunst- und Geisteslebens II

M. S. ist eine bekannte Figur im Stuttgarter Kunst- und Kulturleben. Am Freitag Abend hat er seine erste eigene Galerie eröffnet – im Galerienhaus in der Breitscheidstraße. Selbst wenn man wie wir eine gute Stunde zu spät kam, musste man sich noch immer durch die Besucher drängen, um einen Blick auf die Kunst zu werfen oder einen typischen Vernissagen-Roten zu ergattern. Gekommen war die typische Galerienhaus-Szene: Studierende und Professoren der Kunst-Akademie, Abgesandte anderer Stuttgarter Kunst-Institutionen, gut bis bestsituiierte Stuttgarter, die ihr soziales und materiales Kapital als Lehrer, in Design- und Architekturbüros, als Anwälte, Steuerberater, an den zahlreichen Hochschulen, in der Verwaltung und in verantwortlichen Positionen bei Bosch und Daimler verdienen. Man trägt vorwiegend schwarz oder ist mild exzentrisch gekleidet, das vor allem die Damen. Blutsgeschwister-Kreationen demonstrieren Witz und Pippi-Langstrumpf-Charme ihrer Trägerinnen, Yamamoto und Comme des Garçons intellektuellen und ästhetischen Anspruch. Gut ein Drittel der Besucher trägt die Insignien der S21-Gegnerschaft. Und gefühlt die Hälfte von ihnen treffen wir am Samstag um zwei auf der ersten großen K21-Demonstration wieder.

Damit scheint sich eine Beobachtung unserer lieben Freundin I. zu bestätigen. Ihrer Meinung nach sind Stuttgarter 21-Gegner prinzipiell kultivierte Menschen, was man schon an ihren Protestformen erkennen könne. Vorträge, Führungen, Theaterstücke, Lesungen und ganz grundsätzlich ein historisch-ästhetisches Bewusstsein zeichne sie aus. Von den Befürwortern wisse man schon alles, wenn man den Ministerpräsidenten anschaue. Unseren Einwand, auch die Befürworter hätten doch bedeutende Museums- und Verlagsmenschen in ihren Reihen aufzuweisen, wischt sie mit dem Verweis auf deren von ihr als Kraft-durch-Freude-Kundgebungen bezeichneten Volkslauf-Veranstaltungen vom Tisch. Auch für die rustikal-rhetorischen Aufschwünge des selbsternannten Prosit-Theologen B. kann sie als Absolventin des Tübinger Rhetorik-Studiengangs allenfalls klinisches Interesse aufbringen.

Aber auch bei uns müssen wir Zeichen von K21-Snobismus erkennen: Erscheinen uns doch die mit I Herz S21-Buttons dekorierten Daunenjacken-Gelfrisur-Pausbacken und die sie begleitenden Babyspeck-Versace-Schönheiten als typisch, die uns Mario Barth, Caveman und Tanz der Vampire als den intellektuell-ästhetischen Höhepunkt des Stuttgarter Kulturlebens ansinnen. Wobei diese jungen Menschen, selbst in kaufmännischen und technischen Lehr- und Studiengängen fleißig an der eigenen Verhuman-Ressoursifizierung arbeitend, wiederum snobistische Selbststeigerung aus der Qualifizierung der S21-Gegner als Hartz VI-Empfänger, Faulenzer und Querulanten beziehen. Eine rührende Verkennung der sozialen und materiellen Realitäten, die bei uns sorgenvolle Gedanken über die heiß begehrte Zukunftsfähigkeit der hoffnungsglänzenden Jugend hervorruft, für unsere Freundin I. aber ein weiterer Hinweis auf die mangelnde Herzensbildung und geistige Rohheit der S21-Befürworter ist. So sind sich beide Seiten hervorragende Projektionsflächen und geben dabei nicht immer so ein stimmiges Bild ab wie die Berufsdemonstranten von der Senioren-Union aus den Doppelbuchstaben-Landkreisen, die ihre von der Partei finanzierte Kaffeefahrt nach Stuttgart mit einem fröhlichen Spielzeugschaufel-Winken in die Kameras der lokalen Presse krönen konnten. Sie fehlen uns schon jetzt.

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