Denkmal der Gefühllosigkeit

Der Kampf des Ehepaars Erbslöh gegen zwei winzige Gedenksteine, eingelassen in den Bürgersteig vor ihrem Haus in der Hohentwielstraße 146 B, die an die ehemaligen Bewohner des Hauses, Mathilde und Max Henle, erinnern, fasziniert mich, seit ich das erste Mal davon in der Zeitung las. Das war Anfang diesen Jahres, als von ihrer Klage gegen das Verlegen von zwei „Stolpersteinen“ durch den Kölner Künstler Gunter Demnig und die lokale Stolperstein-Initiative berichtet wurde. Im März hat das Amtsgericht in der ersten Instanz, Ende August dann das Landgericht Stuttgart endgültig entschieden, dass die Stadt Stuttgart die Gedenksteine nicht entfernen oder abändern muss.

Schon direkt nach der Urteilsverkündung verkündete wiederum Herr Erbslöh, das seiner Familie angetane Unrecht durch eine eigenen Website und eine Hinweistafel auf dem Haus in der Hohentwielstraße bekannt zu machen. Letzte Woche nun hat Herr Erbslöh seine Ankündigung wahrgemacht. An der Fassade seines Hauses prangt nun ein häßliches Plastikschild mit der Aufschrift:

Hier wohnten unbehelligt Max und Mathilde Henle

1.4. 1932 – 30. 3. 1939

Eine Website scheint es noch nicht zu geben, auf einschlägigen Webforen können sich die Erbslöhs aber schon über Zuspruch durch reaktionäre und antisemitische Kommentatoren freuen. Die loben die tapferen Schwaben dafür, sich gegen die Front der linken Gutmenschen und den von interessierten jüdischen Kreisen geschürten Gedenkterror zu wehren. Vermutlich weiß der enragierte Herr Erbslöh – Frau Erbslöh scheint sich fast nie in der Öffentlichkeit zu äußern, obwohl es sich bei dem Haus um ihr Elternhaus handelt – davon gar nichts.

Denn das ist für mich das Faszinierende an dieser Geschichte: Den Erbslöhs scheint intellektuell und emotional völlig unzugänglich sein, in welche politischen und ideologischen Traditionen sie sich mit ihrem Verhalten stellen – und so reproduzieren sie, so sieht es zumindest für mich aus, zwanghaft deren stilistische und argumentative Tropen: von der aktiven Verleugnung historischer Fakten (1939 hat kein als Jude stigmatisierter Stuttgarter mehr die Entscheidungsfreiheit gehabt, sich seinen Wohnsitz aussuchen zu können, und unbehelligt lebten sie schon lange nicht mehr) bis hin zur Selbstinszenierung als den eigentlichen Opfern der Geschichte. Die Versuche der Erbslöhs, das Ansehen und das Andenken der eigenen Eltern von der Schande der in ein sogenanntes „Judenhaus“ umgezogenen jüdischen Mieter reinzuwaschen, produzieren genau das Gegenteil. So lassen sie in den Stuttgarter Nachrichten vom 18. Oktober verlauten, dass dem Ehepaar Henle ganz rechtmäßig wegen Eigenbedarfs zum 30. März gekündigt wurde. Ein Sohn der Hausbesitzer, als Ingenieur bei der Stadt tätig und – natürlich – gezwungenermaßen in die NSDAP eingetreten, hatte eine Familie gegründet und wollte die Wohnung beziehen. Dass es sich bei dem Mann um Frau Erbslöhs Vater gehandelt haben könnte, – sie ist nach Angaben der Stuttgarter Zeitung 1940 geboren –, erscheint mir ziemlich wahrscheinlich. Mir kommt es aber nicht auf die Identität dieses Mannes an, sondern auf die moralische Beschränktheit, die aus diesen Äußerungen der Erbslöhs spricht. Offensichtlich sind 66 Jahre Diskussion und Aufarbeitung des Dritten Reiches völlig an ihnen vorbeigegangen – und gerade ihr unter diskussionstaktischen Gesichtspunkten unglaubliches Ungeschick, mit der mittlerweile nur allzu bekannten Entlastungs- und Verschleierungsrhetorik von Arisierungs- und Systemprofiteuren der lokalen Stolperstein-Initiative und der Stadt Stuttgart eine Geschichtsfälschung vorzuwerfen, – natürlich fällt dabei auch das Wort „unsäglich“ und den „Glauben an die Demokratie und den Rechtsstaat“ hat man natürlich auch verloren –, ist für mich der beste Beleg dafür, dass hier zwei Menschen tatsächlich nicht wissen, was sie tun. Und anscheinend gibt es auch niemanden, der ihre Geisterfahrt durch die Schrecken und Finsternisse der eigenen Familiengeschichte aufhalten kann. Wer so taub und blind für die Wirklichkeit geworden ist, der hört die Stimmen seiner Freunde vermutlich gar nicht mehr.

Herr und Frau Erbslöh können einem eigentlich nur leid tun.

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