Quadratisch, aber auch praktisch und gut?

 

Allegorisch gestimmte Gemüter könnten aus dem Umzug der Stadtbibliothek von der Stuttgarter Kulturschneise Staatsbibliothek, Musikhochschule, Landesmuseum, Staatsgalerie, Staatsoper und Staatstheater in das Investorenparadies von LBBW, Sparda, Sparkassen-Ausbildungszentrum und diversen gerade gebaut werdenden und noch geplanten Konsumzentren einiges über Stellenwert, Bedeutung und Idee von Bildung in einer Stadt herauslesen, die bis vor kurzem von einer politischen Mehrheit regiert wurde, die sich selbst großzügig das Beiwort „bürgerlich“ zuschreibt. Oder aus den Ekstasen, in die Stadt- und Bibliotheksobere ob eines Neubaues fallen, dessen einziger kreativer Beitrag zum traditionsreichen Thema „Bibliothek“ darin besteht, einen architektonisch sowieso schon unter schwerem Kitschverdacht stehenden leeren Raum auch noch „Herz“ zu nennen.

Aber auch für praktisch gesinnte Bibliotheksbesucher, die sich von der Simpel-Symbolik des Baus (Kubus! Leere Mitte! Weiße Wände!) nicht weiter stören lassen, ist es kein gutes Omen für die funktionalen und konzeptionellen Qualitäten der neuen Bibliothek, wenn das städtische Hochbauamt die kleine Wasserfläche in der Herzensmitte schon nach drei Tagen trocken legen muss. Beim zügigen Durchschreiten des Raums auf der Suche nach den Büchern waren einfach zu viele Besucher in die symbolische Schwerstarbeit leistende Pfütze (Kastalische Quelle? Taufbecken? Brunnen der Weisheit?) getappt und hatten das Herzwasser im ganzen Haus verteilt. Denn im Gegensatz zu den Äußerungen von Architekt und Bibliotheksleitung ist das Herz gar kein funktionsloser, quasi reiner Raum der Stille, sondern der kürzeste Weg, um vom Haupteingang der Bibliothek zu den einzigen im Haus vorhandenen Aufzügen zu kommen.

Das gleiche Unverständnis für das zu erwartende Verhalten der Benutzer zeigt sich überall im Haus: So gibt es in dem acht-stöckigen Gebäude nur im achten Geschoss und im Keller Toiletten. Wer eine Behindertentoilette benutzen muss, muss ins Untergeschoss, das für Menschen, die mobilitätsbehindert sind, nur über die zwei schmalen Aufzüge zu erreichen ist, die in der der Behindertentoilette gegenüberliegenden Ecke liegen. Wer in der neuen Bibliothek schnell aufs Klo muss, sollte besser gut zu Fuß sein und über einen guten Orientierungssinn verfügen. Denn erwischt man beim Abstieg in die Katakomben des reinen Geistes den falschen Treppenabgang, darf man mit etwas Glück um das ganze Quadrat herum marschieren, bis man die Treppe zum Klo erreicht hat. Dass sich das Gebäude „barrierefrei“ nennen darf, ist eine Unverschämtheit gegenüber Leuten, für die das Treppensteigen ein Problem ist.

Überhaupt – die Treppen: Bei den vier Treppenhäusern, die jeweils mittig an jeder Seite des Stockwerks am „Herzen“ gelegen die unteren fünf Stockwerke erschließen, hat man sich gestalterisch für den bewährten Charme von Parkhaus-Aufgängen entschieden, konsequenterweise aber auf deren einziges Plus, interessant strukturierte Betonoberflächen, verzichtet. So steigt der Benutzer nun durch einen fensterlosen, komplett weiß getünchten, extrem hell ausgeleuchteten Gang auf diffus fleckigem hellgrauen Belag nach oben. Wer schon immer einmal ausprobieren wollte, wie sich sensorische Deprivation anfühlt, hat hier einen schönen Trainingsraum. Schon nach wenigen Minuten wachsen einem die Wollmäuse, die in den Ecken herumliegen, und die ersten Abnutzungserscheinungen des Belags, die ein wenig Struktur suggerieren, richtig ans Herz. Im vierten Stock verlässt man dann die Guantanamo-Treppen und betritt – endlich – den schönsten Raum des Gebäudes, die Galerie, von Fans auch liebevoll der erste Apple-Shop Stuttgarts genannt. Der hohe, weite, weiße Raum wird von bunten Bändern durchzogen, die von den farbigen Buchrücken gebildet werden. Die einzelnen Etagen verbinden schmale, weiße Treppen. Dadurch ergibt sich ein sehr schönes Bild, wenn man aus den angrenzenden Räumen in die Galerie tritt. Optisch schön gedacht, zeigen die Treppen beim Benutzen ihre Tücken: Sie sind so schmal, dass zwei Menschen gerade so aneinander vorbeikommen.

Im Ganzen merkt man dem Bau an, dass bei seiner Fertigstellung extremer Zeitdruck herrschte: Einiges funktioniert noch nicht (oder schon nicht mehr?): Die Rückgabeautomaten waren am Samstag defekt. Wie im alten Wilhelmspalais gab man die Bücher direkt an die wie immer sehr netten und hilfsbereiten Bibliotheksmitarbeiterinnen ab. Eine ganze Menge der technischen Installationen sind recht schief und krumm eingebaut, Bodenbeläge und Kacheln teilweise schlampig verlegt. Die Beschriftung mancher Regale mit Recycling-Papierausdrucken setzt einen ganz wunderbaren Kontrapunkt zum Weiß der Regale.

Für meinen Geschmack stellt die Bibliothek ihre tolle Computer-Ausstattung gegenüber den Büchern etwas zu sehr in den Vordergrund. Aber das ist echt Geschmackssache. Die Idee, sich mit dem Bibliotheksausweis einen Laptop ausleihen zu können, mit dem man sich frei in der Bibliothek bewegen kann, finde ich toll. Manche Ideen, zum Beispiel die thematischen Vorauswahlen in jeder Etage, finde ich etwas überpädagogisisert, aber wenn’s Leute dazu bringt, sich mal was anderes als Stephenie Meyers auszuleihen: Go for it!

Leave a Reply